Fertigstellung Stromboli Kindertagesstätte Wört

„Mutmacher“ Ausgabe 01/2019, Seite 5/6/7/8

Interviewfragen an Architekt Wolfgang Helmle

Herr Helmle, was war ihr erster Gedanke, als Ron Geyer, der Geschäftsführer von Reha-Südwest OWH bei Ihnen anrief und fragte, ob Sie eine Kindertagesstätte bauen wollen?
Wolfgang Helmle: Über diesen Anruf freute ich mich besonders. Denn ich schätze Herrn Geyer und die gesamte Führungsspitze der Reha-Südwest OWH sehr. Schön: erneut eine interessante und spannende Aufgabe mit einem offenen Bauherrn, der klare Vorstellung hat, eindeutige Entscheidungen trifft und mit dem mich ein gegenseitiges Vertrauen verbindet. Schön, dass wir unsere fruchtbare Zusammenarbeit fortsetzen können!
Welche Ziele und Schwerpunkte finden wir?
Was wird dieses Mal das Besondere sein?
Welche Weiterentwicklung in unserer Zusammenarbeit wird es diesmal geben?
Eine Kindertagesstätte ist immer eine reizvolle Aufgabe.

Ist die Inklusive Kita Stromboli ihre erste Kindertagesstätte, die Sie entworfen haben? Und was ist das Besondere an dem Projekt?
Wolfgang Helmle: Wir haben schon die Kindertagesstätte in Crailsheim entworfen und realisiert. Diese wurde vom Landkreis für „Beispielhaftes Bauen“ ausgezeichnet. Bei der Erweiterung der KBS Wört waren wir ebenso beteiligt wie bei der Erweiterung des Rosengartens in Wasseralfingen. Bei der Kita Stromboli war natürlich wieder das Thema Inklusion und Kooperation prägend. Schon bei der ersten Projektbesprechung konnten wir klare Projektziele formulieren:

„Der Neubau soll eine hohe Aufenthaltsqualität mit gestalterischem und energetischem Anspruch erfüllen. Auf Nachhaltigkeit bzgl. Baustoffwahl und Energieverbrauch wird Wert gelegt. Der Neubau soll in Holzbauweise realisiert werden, einen sehr guter Dämmstandard haben, der Einsatz erneuerbarer Energien soll mit dem Ziel der Energieautarkie erfolgen, es sollen gesundheitlich unbedenkliche Baustoffe verwendet werden. Ziel ist eine funktionale Grundrissgestaltung und eine städtebaulich angepasste, ambitionierte Architektur.“

Von Anfang an waren damit hohe Qualitätsansprüche formuliert!


Am Anfang war ein leerer Zeichenblock… Wie gehen Sie ein solches Projekt an und woher nehmen Sie ihre Ideen?

Wolfgang Helmle: Die Ideen fliegen einem nicht zu, man muss sie entwickeln, um sie ringen und sich selbst Zeit zum Suchen & Finden geben. Durch die klaren Zielvorgaben war schon mal ein belastbarer Entwurfsrahmen gesteckt. Wie könnte ein Kita mit Namen Stromboli aussehen? Ist das Thema „Energie“ nicht gerade schon im Stromboli, dem Vulkan enthalten? Wie kann sich das Gebäude in seine Umgebung einpassen? Welche Funktionen hängen zusammen? Welche Orientierungen fordert das Raumprogramm? Wie sind die Ausblicke? Wie sind die Einblicke? Wie schafft man Geborgenheit und gleichzeitig Offenheit? Die Ideen entwickeln sich an Fragen: wie wollen die Kinder zukünftig hier spielen, wachsen und sich entwickeln? Welchen Rahmen brauchen die Pädagogen*innen, Erzieher*innen für eine gute Betreuung der Kinder?

Die besten Ideen hat man aber bei der sogenannten Langeweile: Beim Spazierengehen, in der Sauna oder manchmal auch im Schlaf.

Gemäß unserem Slogan „Mut tut gut!“ – wieviel Mut steckt in diesem Projekt? (Oder anders gefragt: Ist Kreativität wichtiger als Sachlichkeit?)
Wolfgang Helmle: Der Bauherr hat wieder sehr viel Mut bewiesen und sich wieder auf etwas Neues eingelassen.

Der bekannte Architekt Karl Friedrich Schinkel sagte einmal, es sei die Pflicht des Architekten, das Nützliche, Zweckmäßige und Praktische in etwas Schönes zu verwandeln. Diesem Gedanken fühle ich mich verpflichtet und habe für uns den Büroleitsatz formuliert: Ästhetik und Funktionalität stehen bei uns im Vordergrund, damit sie der Wohn- und Lebensqualität dienen. Was oft schön erscheint und ein Eyecatcher sein will, ist es nach zwei Jahren oft nicht mehr. Ein schönes Haus muss vom Entwurf bis zum Abschluss ins letzte Detail durchdacht sein. Alles muss seinen Sinn haben, konsequent, ehrlich, authentisch und durchgängig sein. Schönheit, Sinn und Zweckmäßigkeit gehören zusammen. Wenn etwas auf den zweiten Blick richtig schön ist, dann ist es, wie ich glaube, auch bleibend schön.

Können Sie uns genauer erklären, was „energieautark“ bedeutet und wie so ein energieautarkes Gebäude funktioniert?
Wolfgang Helmle: Eigentlich ist das kein gutes Wort – denn eigentlich gibt es Energieautarkie gar nicht, weil alles irgendwie verbunden ist und Energie sich ja auch physikalisch immer austauschen will. In unserem Zusammenhang beschreibt es den Versuch, möglichst unabhängig von der öffentlichen Energie-Infrastruktur zu sein. Der Stromboli hat z.B. keinen Gasanschluss und keinen Öltank. Die Sonne erzeugt, vor allem im Sommer, warmes bis heißes Wasser, das unter das Erdreich transportiert wird und dann, vor allem im Winter, mit einer Wärmepumpe die Fußbodenheizung erwärmt. Vielleicht können wir in einer 2.Phase dann noch die Wärmepumpe mit einer Photovoltaikanlage versorgen. Wichtig sind mir immer die die drei E’s – also Energieeinsparung, Energieeffizienz und der Einsatz von erneuerbaren Energien.

Sie haben es ja schon erwähnt: Holz spielt bei dem Neubau der Kita Stromboli eine wichtige Rolle. Was macht für Sie das Material Holz zu etwas Besonderem und warum, haben Sie es hier verwendet?
Wolfgang Helmle: Holz ist ein ehrlicher Baustoff, der viel Disziplin und Kompetenz von den Planenden verlangt. Man kann Holzhäuser vorfertigen und dann schnell aufrichten: wer die Baustelle beobachtet hat, konnte das sehr schön sehen. Es ist ein nachwachsender Baustoff, der sehr wenig graue Energie benötigt und sehr viel CO2 gebunden hat. Meist handelt es sich um regionale Produkte. Mit Holz kann man sehr schön energieeffizient Bauen. Holz riecht gut. Holz fühlt sich auch gut an. Holz verbreitet eine angenehme Atmosphäre. Mit Holz kann man ästhetisch anspruchsvoll gestalten.

Wann kamen Sie mit Architektur in Berührung?
Wolfgang Helmle: Wie die meisten Menschen in unserer Zivilisation schon sehr, sehr bald: im Kreissaal. Wir kommen alle fast ständig durch unsere gebaute Umwelt mit Architektur in Berührung – leider ist dieses Zusammentreffen nicht immer anregend. Deshalb verspüre ich eine sehr hohe Verantwortung gegenüber meiner Umwelt – ob gebaut oder unverbaut. Die ersten Berührungen mit Architektur hatte ich vermutlich durch meinen Großvater, der Holzbildhauer war. Hier durfte ich als Kind mit Holzklötzen spielen, in seinem Skizzenblock stöbern und habe vielleicht das Gefühl für Proportionen mitbekommen. Sicherlich habe ich hier meine Holz-Affinität her: noch heute rieche ich unglaublich gern frisches Lindenholz, wie ich es in der Werkstatt meines Opas gerochen habe. Mein Opa väterlicherseits war Küfer, der mußte sich ja auch gut mit Holz auskennen. In der Schule hatte ich einen Kunstlehrer der uns mit Holz schnitzen und Linoldrucke machen lies. Hier habe ich sicherlich meine graphischen Grundkenntnisse erworben. Bisher habe ich nur in alten Häusern gelebt. Als Kind hatte ich kein eigenes Zimmer, und das war lange unbeheizt. Das hat meine Phantasie und Interesse für das Wohlfühlen in Räumen sicherlich geweckt.

Gibt es ein Projekt, dass Sie unbedingt einmal realisieren möchten?
Wolfgang Helmle: Ja sicher, hoffentlich gibt es da noch viele. z.B. würde mich der Bau eines öffentlichen Gebäudes auf dem Ellwanger Markplatz total reizen. Ein Haus für die Kunst, zum Verweilen, für Müßiggänger genauso wie für Menschen, die gern Mitten im Leben sind.

Ein neues Jugendzentrum in Ellwangen, wenn man schon meint, das alte wegen der Landesgartenschau abbrechen zu müssen.
Oder würde ich gerne ein Haus für eine Baugemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Menschen zum Wohnen und Leben bauen.
Spannend wäre auch ein Gemeindezentrum für verschiedene Religionen, Vereine und anderen Gemeinschaften.

Eine tolle Herausforderung wäre auch eine Schule, bei der sowohl der Gedanke der Kooperation als auch der Inklusion, in vorbildlicher Weise architektonisch und gestalterisch umgesetzt werden.

Herr Helmle, eine philosophische Frage zum Schluss: Glauben Sie, dass die Architektur einer Kindertagesstätte die Pädagogik und das Miteinander beeinflussen kann? Wenn ja, inwiefern?
Wolfgang Helmle: Wie Sie ja jetzt sicherlich herausgehört haben, versuche ich mit sehr viel Herzblut meinen Beruf auszuüben. Meine Hoffnung ist es nun, dass man das meinen Gebäuden anspürt und die Nutzer sich darin wohlfühlen.

Der finnische Architekt Alvar Aalto hat einmal gesagt: „Die Architektur kann die Welt nicht retten, aber sie kann als gutes Beispiel voran gehen“.

Wenn wir es geschafft haben, dass hier Kinder unbesorgt aufwachsen uns sich entwickeln können, dass sich der eine oder andere am blauen Himmel im Foyer freut, dass ein Kind sich am Duft des Zirbelholzes labt, dass ein Kind die gelb-orangen Schatten auf dem Tannenholz beobachtet, dass ein Kind von der Empore aus ganz vertieft den anderen beim Spielen zuschaut, dass ein Kind sich im Herzen des Stromboli geborgen fühlt, dass ein Kind stolz von seinem Kindergarten spricht und sich freut, wenn die Ferien vorbei sind, dann hätte ich schon ein tolles Honorar bekommen.

Und, wer weiß, vielleicht kann ein Kind später ja mal erzählen, wann es das erste Mal mit Architektur in Berührung kam.

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